Minna Schellhorn gründete in Weimar den ersten Kindergarten

Zur Erinnerung an den ersten Frauenwahltag ließen sich Emma im 85. Jahr und Bertha Schellhorn im 88. Jahr stolz ablichten.

„Musterhafte Aufmerksamkeit und erfindungsreicher Geist“

Das alte Foto zeigt dabei zwei stadtbekannte und beliebte Weimarer Frauen, die von Generationen von heranwachsenden Kindern geliebt und verehrt wurden. Die dritte Schwester erlebte zwar den Frauenwahltag nicht mehr, bekam aber schon zu ihren Lebzeiten viel Dankbarkeit und hohe Ehrungen. Minna Schellhorn (geboren am 14. März 1829) gründete in Weimar den ersten Weimarer Kindergarten und erfuhr zu ihrem 80. Geburtstag 1909 hohe Wertschätzung. So wurden in Weimar extra Sammelstellen in der Stadt eingerichtet, wo Bürger ihre Geschenke abgeben konnten. Die Summe reichte, dass die inzwischen hochbetagte Minna mit ihren Schwestern die eigens für sie gebaute Bank am Ettersberg mit dem Wagen aufsuchen konnte. Eine kleine Miniatur der legendären Bank soll sich auf dem Gabentisch der Jubilarin befunden haben.

Die drei Weimarer Schwestern konnten dabei auf ein eigenes bestimmtes aber sicherlich nicht ruhiges Leben zurückblicken. Der Weg der Töchter einer wohlhabenden Weimarer Kaufmannsfamilie war eigentlich vorbestimmt. Doch Minna, die schon früh den Umgang mit kleinen Kindern liebte, ließ sich von den Ideen sowie der Persönlichkeit Friedrich Fröbels anstecken und begann 22jährig eine Ausbildung im Schlößchen Marienthal bei Bad Liebenstein. Und auch Friedrich Fröbel zeigte sich voll des Lobes über seine Schülerin. In einem noch erhaltenen Zeugnis bescheinigt er der Weimarerin musterhafte Aufmerksamkeit, sorgsamen Fleiß, Genauigkeit in der Arbeit sowie einen erfindungsreichen Geist…Besonders hat sie auch einen solchen einfach bescheidenen, weiblich jungfräulichen und kinderliebenden, treuen frommen Sinn entwickelt…“.

Minna brachte die Ideen Fröbels, Kinder des Vorschulalters nicht nur zu beaufsichtigen, sondern ihnen einen ihrem Wesen entsprechende Tätigkeit zu geben, nach Weimar. Dazu gründete sie am Rollplatz Nr. 10 (heutige Kinderärztliche Gemeinschaftspraxis) einen Kindergarten und stellte den Fröbelschen Leitsatz „Kommt, laßt uns unseren Kinder leben!“ voran. Fortan bestimmten Kinderspiele das Leben der Minna. Mädchen und Jungen genossen dabei gleichermaßen die nichtstaatliche Einrichtung des humanistisch gesinnten Bürgertums. Weimars Jüngste fädelten Ketten, legten Stäbchen, falteten und flochten aus Buntpapier ganz im Sinne des „Kindergartenvaters“ Fröbel. Gleichfalls griffen die inzwischen liebevoll in Weimar gerufenen „Schellhorntanten“ auf Würfel-, Lege- und Bauspiele zurück. Sie nutzten Sing-, Wort-, Farben-, Sprach- sowie Bewegungsspiele, die bis heute in den Kindergärten genutzt werden. Diese Fähigkeiten erlernten auch weitere junge Kindergärtnerinnenanwärterinnen, denn bereits 1860 gründete Minna eine Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen. Trotz des privaten Charakters der Schule wurde die Ausbildung staatlich anerkannt. Nur ein Jahr später begrüßten die Schwestern, längst sind Bertha und Emma mit dabei, Leo Tolstoi. Der russische Schriftsteller besuchte in Weimar den russischen Gesandten Apollonius von Maltitz und war von dem Wirken der Schellhorns äußerst angetan.  

Neben der aufopferungsvollen und spannenden Aufgabe im Kindergarten gehörte die inzwischen 44jährige Minna 1873 zu den Initiatorinnen und Initiatoren des Deutschen Fröbelverbandes, war Mitherausgeberin von Fröbels „Pädagogischen Schriften“ und Mitglied des Allgemeinen Internationalen Kindergartenvereins. Mitte der 90er Jahre zogen sich die Schwestern aus der Leitung des Kindergartens und des Seminars zurück und legten diese Aufgabe in jüngere Hände. Die drei Schwestern, die zeitlebens nicht heirateten, verlegten ihren Wohnsitz in die Ettersburger Straße 18 und verfolgten sehr interessiert die wechselvollen Ereignisse in dem Kindergarten und der Stadt. Am 9. April 1910 stirbt Minna. Ihre beiden Schwestern können neun Jahre später erstmals wählen gehen.