Man kann seine eigenen Gedanken hören

Im Gespräch mit dem Hauptdarsteller der Weihnachtsgeschichte Ebenezer Scrooge

In der Adventszeit werden Traditionen gepflegt. Ein schöner Brauch ist der traditionelle Theaterbesuch, wo eine Weihnachtsgeschichte besonders die kleinen Herzen höher schlagen lässt. Denn wo lässt sich das Warten auf Weihnachten besser verkürzen, als im Deutschen Nationaltheater Weimar. Passend dazu bringen Mitglieder des Schauspielensembles Charles Dickens Weihnachtsgeschichte auf die Bühne. Und wie vielen bekannt, spielt Ebenezer Scrooge eine tragende, in großen Teilen der Geschichte, aber auch keine gute Rolle. Wie man sich einer solchen nähert, wollten wir vom Darsteller Bastian Heidenreich wissen.

Herr Heidenreich, wann haben Sie zum ersten Mal von der Weihnachtsgeschichte gehört?
Ich glaube, ich habe zuerst einen Trickfilm gesehen, ich denke wohl von Disney. Allerdings fand ich die Muppets-Weihnachtsgeschichte mit Michael Caine als Ebenezer Scrooge noch schöner. Dieser Film ist sehr gelungen, weil er die Geschichte wunderschön in Szene setzt und es auch humorvolle Einlagen von bekannten Figuren gibt. Als ich ihn tatsächlich noch einmal während der Produktion gesehen habe, fand ich die Figur des Scrooge aber eher weich, er war dort sehr schnell umzulenken. Ich wollte das nicht so machen und eine andere Härte zeigen, die der heutigen Realität näher kommt. Das Buch habe ich tatsächlich davor noch nie gelesen.

Im Stück begegnen Sie drei Geistern. Welchen finden Sie besonders erschreckend und warum?
Erschreckend von der Erscheinung her oder von der Aussage? Es gibt ja beim Geist der zukünftigen Weihnacht die Situation, wo Ebenezer am Grab steht. Selbst an den eigenen Tod zu denken, finde ich am Erschreckendsten und das lässt einen auch am ehesten atemlos zurück.

Wie gestalten sich gerade die Proben im Theater?
Wir proben mit großem Abstand und mit Vorsichtsmaßnahmen im Sinne des Infektions-schutzes. Das wirkt sich auch auf szenischen Vorgänge, auf das Spiel miteinander aus – sowohl bei Neuinszenierungen aber auch in Wiederaufnahmen, die wir an die derzeitigen Vorgaben anpassen müssen, wie den „Sommernachtstraum“ oder eben jetzt auch „A Christmas Carol“. Dafür haben wir mit der Regisseurin Swaantje Lena Kleff eine Corona konforme Variante erarbeitet.

Wie studieren Sie Ihre Rollen ein?
Ich versuche mich erste einmal über den Text anzunähern. „Welche Aussagen gibt mir der Text über die Persönlichkeit. Wie gestaltet sich die Wortwahl, fein, rauh, aggressiv? Darüber hinaus versuche ich – wenn man so möchte – einen Körper zu finden. Da Ebenezer betagt ist und ich noch nicht – musste ich mich körperlich reinfühlen und festmachen, eben die Kälte und unangenehme Steifheit in den Körper bekommen.

In der Weihnachtsgeschichte wird zum Ende festlich gegessen. Welche Weihnachtsbräuche pflegen Sie?
Meine Eltern machen immer eine ganz tolle Ente. Die gibt’s aber erst am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag. Am Heiligabend essen wir bei uns zu Hause tatsächlich Kartoffelsalat und Würstchen. Ein alter Brauch. Normalerweise gehe ich dann mit meiner Mutter, Oma und Schwester in die Kirche und wir schauen uns das Krippenspiel an, das ich wiederum mit professionellen Argusaugen betrachte. Das kann ich nicht abstellen. Und danach hat mein Papa einen Eierpunsch gebastelt, einen ganz eigenen: Mit Orangen, Zitrone, vielen Eiern, schön schaumig, schön warm. Den schlürfen wir, wenn wir aus der Kirche nach Hause kommen. Die Bescherung erfolgt am späten Nachmittag.

Wie lange sind Sie am DNT?
Ans Weimarer Theater kam ich bereits 2011, noch unter Stefan Märki. Hergezogen bin ich wegen meiner damaligen Freundin, weil sie hier engagiert war und das Theater für das Ensemble noch junge Männer suchte. Damals war ich noch ein junger Mann. Man sagt ja auch, alle vier bis fünf Jahre wechselt man als Schauspieler den Ort. Dennoch habe mich in Weimar niedergelassen und empfinde die Stadt als Heimat.

Was macht die Stadt für Sie aus?
Ich komme selbst aus der mittelalterlichen Stadt Tangermünde mit Schlossanlage und Fachwerkhäusern. Und das gibt’s in Weimar ja auch. Die Geschichte ist hier spürbar. Das mag ich gerne. Auch das Puppenstubenhafte in Weimar genieße ich sehr und erinnert mich an zu Hause. Hier ist alles überschaubar und ruhig und man kann seine eigenen Gedanken hören. Das schätze ich sehr. Und nicht zuletzt auch, dass meine Aufgaben hier am Theater mannigfaltig sind.

Bei welchen Inszenierungen spielen Sie im nächsten Jahr mit?
Noch stehen nicht alle Besetzungen fest. Aber ich werde im nächsten Jahr auf jeden Fall an der „Legende von Paul und Paula“ beteiligt sein, nicht nur als Darsteller sondern auch für die Bühnenmusik. Ich mache ja auch privat Musik, und darf diese Liebe manchmal in meine Arbeit einfließen lassen. Beispielsweise spiele ich in dem Stück „Die Ehe der Maria Braun“ und durfte für die Inszenierung auch die Musik komponieren. Die sehr gelungene Inszenierung dieses Fassbinder-Films hatte noch kurz vor dem November-Lockdown Premiere bei uns. Außerdem übernehme ich die Regie für das Jugendstück „Mongos“ von Sergej Gößner, das in Zusammenarbeit mit dem Theater Erfurt auf die Bühne kommt. Da freue ich mich sehr drauf. Das meine ich mit mannigfaltigen Aufgaben am Theater. Man traut mir viel zu – und das genieße ich gerade sehr…das man eben auch mehr als ein reiner Schauspieler sein darf.

Sie haben einen Wunsch frei!
Wenn Sie es so wollen. Mein Lieblingsgeist ist der Geist der Gegenwart. Der Geist der Zukunft ist den Menschen wohl am eigensten, weil die Menschen eben in die Zukunft schauen und gar nicht so die Gegenwart, die Haben-Seite betrachten. Die meisten wollen immer nur nach vorne preschen. Ich halte es da mehr mit dem Geist der Gegenwart, weil man sich in diesem Sinne mal selbst reflektiert, in sich und die nähere Umgebung reinhorcht, ohne an den nächsten Schritt zu denken, sondern nur den Ist-Zustand betrachtet. Ich wünsche mir mehr Besinnlichkeit, im besten weihnachtlichen Sinne. Corona hat ja einen kleinen Riss durch die Gesellschaft gezogen und ich merke, dass das Thema auch im Familien- und Bekanntenkreis zu Meinungskonflikten führt die dann auch schon mal persönlich genommen werden. Ich wünsche mir da manchmal eine größere Coolness, dass man sich wieder „Aug-in Aug“ begegnen kann.

Still war es auch im Corona-Lockdown im Frühjahr. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wie ich es schon erwähnt habe, gibt es bei mir eine starke kreative Kraft. Ich mach schon seit längerer Zeit im stillen Kämmerlein deutsche Musik, die ich so vor mich hin komponiere. Und das habe ich dann auch im März mit einem befreundeten Musiker stärker verfolgt und aufgenommen, das Projekt ist allerdings noch lange nicht fertig.

Jetzt habe ich mit einem Freund angefangen… kennen Sie das Brettspiel Risiko?
Ja.
Wir haben uns, an das Spiel angelehnt, ein neues Brett für Thüringen überlegt und entworfen. Wir sind aber noch am Rumprobieren, um quasi eigene Regeln zu entwickeln. Auf jeden Fall wäre das ein schönes Weihnachtsgeschenk.

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A Christmas Carol

Eine Weihnachtsgeschichte nach Charles Dickens (ab 6 Jahren)

Fantasievoll, ereignisreich und vergnüglich erzählt die Inszenierung von Swaantje Lena Kleff die Geschichte des geizigen und hartherzigen Geschäftsmanns Ebenezer Scrooge, für den Weihnachten eine Zeitverschwendung ist. Familie, Freunde und das Wohl anderer bedeuten ihm nichts. An Heiligabend erhält er Besuch von drei Geistern, die sich mit ihm auf eine Reise durch seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begeben. Können Sie den alten Griesgram dazu bringen, sein Leben zu ändern und Mitgefühl zu zeigen?