Ingo, mach mal lustig!

Im Gespräch im Ingo Appelt

 

Der Quatsch Comedy Club macht auch in Thüringen Station. Am 14. September schlagen die bekannten Comedians im Bio-Seehotel Zeulenroda ihre Zelte auf. Wir kamen mit Ingo Appelt in ein sehr langes, spannendes Gespräch.

Fotocredit: Felix Rachor

Herr Appelt, kennen Sie Thüringen? Was fällt Ihnen zu unserem Bundesland ein?

Ich bin in Würzburg groß geworden. Und genau zur Wende habe ich meinen Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt gemacht und u.a. in Ilmenau eine Zweigstelle aufgebaut. Auch als Bildungsreferent für die Friedrich-Ebert-Stiftung war ich nach der Wende gerade in Thüringen unterwegs. Es brach damals ja so viel zusammen und ich erklärte beispielsweise das Betriebsverfassungsgesetz, das nach und nach wirksam wurde. Ich war Gewerkschafts- und Parteifunktionär. Ich kam da also an und sagte, „Ihr braucht Gewerkschaften und Parteien.“ Natürlich kam da gleich die Meinung: „Also Parteien hatten ´mer jetz hier genug, die Blockflöten. Un Gewerkschaft, 40 Jahre Harry Tisch reicht jetz.“

Es war schon ganz ulkig, weil ich gemerkt habe, auf den Staat, den wir uns vorstellten, haben die überhaupt keinen Bock. Und diese Situation besteht meiner Meinung nach bis zum heutigen Tag. „Staat und Parteien, nee.“ Und ich kann das sehr gut verstehen, weil ich in dieser Zeit die Leute kennen gelernt habe und ich den Menschen im Westen verbal immer mal wieder eine auf die Nase hauen musste, weil alle hier oft beleidigt sind, so nach dem Motto: „Der Osten zieht gar nicht mit.“ Und ich sage: „Zu Recht!“ Wir haben da kolonialisiert. Es ging nie auf Augenhöhe, wir haben uns nie Gedanken darum gemacht, wie Ostdeutschland aus eigener Kraft Wirtschaftsleistungen hervorbringen kann. Wir haben diese aber auch nicht abgegeben, sondern stattdessen Geld fließen lassen. Das ist wie alimentieren, wie Almosengeben.

Die Menschen wollen ihr Geld selber verdienen und wenn das nicht geht, dann wenigstens gewinnen. Wenn ich eine Wette gewinne und zwei Euro dafür kriege, ist das der Wahnsinn. Wenn Du mit Hartz-IV 200 Euro bekommst, ist das kein Gewinn, sondern Mist. Das ist einfach so. Die Leute wollen gebraucht werden. Und das habe ich schon in den 90ern gesagt. Wenn wir den Leuten nicht das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden, dann lehnen sie uns irgendwann ab. Es ist tatsächlich so eingetreten.

Viele spannende Themen, Herr Appelt…finden wir diese auch in Ihrem Programm in Zeulenroda gespiegelt?

In Zeulenroda bin ich einer von vielen, da treten ja noch vier weitere Kollegen auf. Ich werde kleine Best-Offs spielen.  Auch Parodien über Til Schweiger und Herbert Grönemeyer dürfen da nicht fehlen. Und ich werde wohl ein wenig über den Quatsch-Comedy-Club erzählen. Im November komme ich aber nochmal nach Erfurt ins Dasdie. Da spiele ich dann mein komplettes Progamm „Der Staats-Trainer!“.

Wo kommen Ihnen die besten Ideen?

Zu Hause von den Kindern und im Gespräch mit Menschen. Ich habe natürlich auch eine eigene Agenda, einen eigenen Antrieb. Ich sitze ja nicht nur da und sauge Witze auf. Ich bin fein Klugscheißer und wäre gerne bedeutsam. Männer wollen ja immer bedeutsam sein, eine Art Staatsführer, der dann auch mal sagt, wo es langgeht. Ich weiß, das wird nicht funktionieren und ist auch nicht der richtige Weg. So versuche ich mich eher als Staatstrainer oder Hofnarr. Ich hätte es schon gerne offiziell. Wenn es nach mir ginge hätte ich von Angela Merkel oder der Regierung oder Herrn Steinmeier den offiziellen Auftrag: „Ingo mach mal lustig“ und mit Deutschlandfahne einmal im Monat dem Volk die Leviten lesen. Das fände ich toll. Nicht den Politikern!

Nicht?

Nee, den Politikern werden in einer Tour die Leviten gelesen. Immer hauen wir auf die Politiker. Aber keiner der Politiker traut sich ja, das Volk zu kritisieren und zu sagen: „Ihr wollt immer nur, strengt euch nicht an. Ihr seid immer nur am Meckern, habt immer nur schlechte Laune.“ Ich habe noch nie eine Bürgerversammlung erlebt, wo einer aufsteht und sagt: „Guten Tag, Herr Politiker, ich kenne jetzt Sie zwar nicht persönlich, aber erst mal schönen Dank, dass Sie sich so viel Arbeit machen. Sie haben sicherlich viel geleistet für dieses Land. Dafür möchte ich Ihnen – auch im Namen der hier Sitzenden – bedanken, toll gemacht. Toi, toi, toi und jetzt kommen wir mal zu den Problemen.“ Nein: „Was Ihr macht, ist alles Scheiße, niemand redet mit uns. Ihr redet auch mit keinem!“ Kaum jemand interessiert sich für Politik. Ich würde mal vermuten, dass 99 Prozent der Deutschen keine Parteienpolitik machen. Die beobachten nur und blasen dann auf. Von den Politikern erwarten sie aber große heroische Leistungen, Selbstlosigkeit, Verzicht auf Geld. Sie sollen zusätzlich auch 80 Stunden in der Woche arbeiten und immer allen zuhören. Aber der Wähler wählt heute mal dies und morgen das, macht vieles kaputt, ist oft wankelmütig, ungerecht und selbstsüchtig.

Wie konzentrieren Sie sich vor den Auftritten?

Ich laufe ganz gerne eine halbe Stunde schon mal rum und schaue mir ganz gerne das Publikum an. Dann gehe ich durch den Saal, schüttele Hände und quatsche auch mal mit ein paar Leuten. Da höre ich schon, der eine hat Geburtstag, der andere hat sich gerade getrennt und ist mit seinen Kindern da. Der eine ist gerade zwölf, oh Gott oh Gott, viel zu klein. Und da habe ich bereits etwas parat, wenn ich auf die Bühne gehe.

Sie haben doch viel Text. Bauen Sie sich Brücken. Kann man da auch spontan sein?

Ich kann´s ja. Wenn ich das nicht könnte, würde ich es nicht tun. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass fast jeder Mensch das könnte. Wenn man sich nur anschaut, was die Leute alles so rausquatschen…was da kommt…das ist oft nicht strukturiert, nicht auf den Punkt, aber teilweise so witzig und unterhaltsam. Und man kommt gar nicht auf die Idee, das aufzuschreiben und daraus einen Vortrag zu machen. Ich mache etwas völlig profanes, ich stehe auf der Bühne und rede und das ist bei den Leuten hoch angesehen. Aber viele Leute haben Angst, vor mehr als vor zwei Leuten zu reden. Viele Leute haben schon Angst, vor einer Person ehrlich zu sein.

Können Sie ein Programm auch noch kurzfristig umstricken, wenn Sie merken, dass die Stimmung nicht passt.

Bei all meinen Shows steht das Ende meistens fest, das ist aber auch alles. Weder Anfang, Mitte und Pause, es ist nichts festgelegt. Da mache ich wirklich an den Reaktionen fest. Ich sehe mich da so als Koch auf der Bühne. Ich habe einen Schrank voller Gewürze, einen Kühlschrank voller Zutaten, ein Tiefkühlfach auch, das Programm ist Patchwork, wie man so sagt. Ein wirkliches Durcheinander. Ich merke das auch schon mal selber, schaue auf die Uhr, es sind eineinhalb Stunden rum und ich merke, ich habe ja noch gar nicht richtig mit dem Programm angefangen. In der Aktualität, im Gespräch mit den Menschen verzettele ich mich auch gerne. Das ist gut so, denn so wird jeder Abend individuell.

Wie lange wirkt ein Auftritt bei Ihnen nach?

Der Künstler ist eine Stunde nicht ganz zurechnungsfähig. Eine Stunde hat der Künstler Narrenfreiheit. Wenn man einen Unfall baut, bekommt man tatsächlich auch vor Gericht mildernde Umstände.Weil man Endorphine ausschüttet und sich in einer Art Rauschzustand befindet. Wenn ich beispielsweise Husten und Schnupfen habe und auf die Bühne gehe, ist das weg und ich freue mich des Lebens. Eine Stunde nach der Show werde ich dann müde und die Kopfschmerzen kommen wieder. Was gerade noch Dein Universum war, ist schlagartig verschwunden und es tritt eine Leere ein. Es wird aber schnell wieder besser.