Hier bin ich richtig, hier will ich sein

Im Gespräch mit der Musikerin Alin Coen

Sieben Jahre haben ihre Fans auf dieses dritte Studioalbum „Nah“ gewartet. In zwölf Songs lotet sie mit hoher Intimität und berückender Ehrlichkeit die Verbindung zu nahen Menschen aus und fällt damit auf. Die Liedtexte reichen von ruhiger Überwältigung bis zum komplizierten Abschied, von zersetzenden Machtkämpfen bis zu bebenden Rettungsversuchen. Und so vielfältig wie diese Gefühle gestaltet sich auch die Musik zwischen Indie, Singer/Songwriter und Pop. Da kommen Fragen auf, die uns Alin Coen in einem Gespräch beantwortete.

Glückwunsch, Frau Coen, Ihr neues Album „Nah“ ist in der ersten Septemberwoche bei MDR Radio Kultur zum Album der Woche gekürt worden. Spüren Sie solch eine Anerkennung?

Großartig, das ist super. Ich erfahre es gerade erst durch Sie.

Ihr Song „Bei Dir“ macht mir große Freude und Lust auf Bewegung. Als ich dann noch hörte, dass Sie Weimar gut kennen, war mein Interesse geweckt. Erinnern Sie sich gerne?

Ja, natürlich. Wir waren neulich auf dem Weg nach Bayern. Und an einer besonders schönen Stelle fragte ich, wo wir sind? Da meinte mein Freund: Naja, du hast einfach mal acht Jahre hier gelebt. Wir sind gerade in Thüringen.

Sie haben in Weimar studiert. Wie kommt man auf Weimar?

Ich hatte ganz konkrete Vorstellungen, was meinen Studienort betrifft. Ich wollte eine Hochschule, wo ich Umwelttechnik studieren kann und einen Ort, wo an dem es auch eine Musikhochschule gibt, damit ich mit Musikern der Musikhochschule zusammen arbeiten könnte. Ich wünschte mir keinen modernen Campus, sondern Altbauten. Ich hatte so ganz konkrete Vorstellungen bezüglich meines Studienortes. Und irgendwie hat Weimar alles vereint. Und er sollte sechs Stunden von Hamburg entfernt sein. Ich wollte ganz, ganz weit weg von meiner Heimatstadt studieren. Tatsächlich gab es dann eine ICE-Verbindung, die in vier Stunden Hamburg erreicht. Wenn man aber nicht mit dem ICE gefahren ist, brauchte man tatsächlich sechs Stunden bis Weimar. Dann habe ich Weimar einmal gesehen und gesagt: „Hier bin ich richtig, hier will ich sein.“

In Weimar haben Sie aber die Band gegründet, die heute nicht mehr so besteht?

Mit zwei von den Gründungsmitgliedern spiele ich noch. Die haben auch tatsächlich an der Franz-Liszt-Musikhochschule Jazz studiert. Ein Bassist und ein Schlagzeuger.

Einige Jahre war es sehr ruhig, warum melden Sie sich jetzt zurück?

Ich habe 2014 gedacht, ich wäre durch damit, Musikerin zu sein und wollte Umweltaktivistin werden. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass das viel wichtiger wäre und Musik zu wenig Veränderung bewirkt. 2015 bin ich nach Holland gegangen, um einen Master in Land and Water Management zu machen und habe anschließend ein halbes Jahr als Praktikantin bei Greenpeace gearbeitet. In dieser Zeit hat sich für mich die Musik wieder gut angefühlt und ich verspürte das dringende Bedürfnis, ein Album zu machen und wieder Lieder zu schreiben. Der erste Gedanke dazu entstand wohl 2016 mit meinem Lied „Du bist so schön“. Je mehr Lieder ich hatte, desto besser fühlte sich das an.

Was machen Sie lieber, schreiben oder die Songs auf einer Bühne präsentieren?

Beides hat seinen Reiz. Ich mag die Konzentration, die ich beim Schreiben aufbringen muss. Aber mir liegt auch wahnsinnig am Herzen, die Resonanz auf diese Lieder zu bekommen. Tatsächlich habe ich von Anfang an geschrieben, um meine Lieder einem Publikum vorzuspielen. Als ich anfing damit, war ich in Schweden und habe auf einem Bauernhof gelebt. Ein Bekannter hatte damals einen Auftritt bei einer offenen Bühne. Ich habe dort Leute gesehen, die jeweils zwei selbst geschriebene Lieder aufgeführt haben und gedacht, das möchte ich auch machen. Beim nächsten Mal bin ich dabei. Von Anfang an war die Motivation, Lieder zu schreiben, um sie Leuten vorspielen zu können.

Die letzten Monate war vieles anders. Wie kamen Sie als Künstlerin mit dem Lockdown zurecht?

Verhältnismäßig gut. Ich hatte viel Glück, denn das Album war zu dem Zeitpunkt, wo die Beschränkungen begannen, schon fertig eingespielt. Viele Arbeiten erfolgten dann per Mail oder Telefon. Klar gab es Einschränkungen, aber die kamen mir schlüssig vor. Ich hatte nicht das Gefühl, es wären willkürliche Regeln. Ich habe die Situation sehr ernst genommen. Ich kann natürlich nur für mich selber sprechen, weiß aber auch von Leuten, die in eine ganz schwierige Situation versetzt worden sind.

Waren Sie kreativer? Sie hatten ja auch immer jemanden zu Hause?

Ich habe ein ganz großes Glück, dass mein Partner wirklich ein sehr engagierter Papa ist. Er geht gerne mit meinem Sohn raus. Ich kann es anderen nur ans Herz legen, sich so einen engagierten Partner zu suchen, der bereit ist, die Karriere der Frau zu unterstützen. Das ist gerade ein Thema für mich, denn auch in der Musikbranche gibt es viele Hürden für Frauen. Wir leben in 2020 und müssen von den patriarchalischen Strukturen weg.

Ich habe natürlich das Glück, dass mir meine Eltern das schon anders vorgelebt haben. Meine Mutter war arbeiten, mein Vater blieb zu Hause. Ich selbst bin an Bord von musicwomengermany.de,  ein Verein, der sich für die Sichtbarkeit von Frauen in der Musikbranche einsetzen. Wenn man sich die Vorstände verschiedener Musik-Verbände anschaut, sieht man, wie sehr Handlungsbedarf besteht, was Gleichberechtigung betrifft.

Wann sind Sie mal wieder in Thüringen?

Spätestens zu unserer Tour im Mai 2021.