Große Bücher und Marienleben

Das Kunsthaus Apolda stellt Meisterwerke der Renaissance von Albrecht Dürer aus

Eine Stadt ist im Dürer-Fieber. Die Rede ist von Apolda, das vom 12. Januar bis 13. April 2020 Meisterwerke der Renaissance zeigt. Dies gemeinsam mit Kunstverein Avantgarde, Stadtverwaltung und der österreichischen Zisterzienserabtei Stams aus dem Bistum Innsbruck. Mehr  als 100 Holzschnitte und Kupferstiche werden zu sehen sein.

Melencolia I (B. 74; M., HOLL. 75)
*engraving
*24 x 18.8 cm
*1514

Der 1471 in Nürnberg geborene und dort 1528 gestorbene Albrecht Dürer zählt zu den genialsten Künstlern der Renaissance. Seine in Stams gesammelten Arbeiten auf Papier gehören ob ihrer Ausdruckskraft und Perfektion zu den Meisterwerken der Kunstgeschichte. Die von der Kunsthistorikerin Susanne Flesche kuratierte Ausstellung setzt sich mit Dürers Bedeutung vor dem biographischen und gesellschaftspolitischen Hintergrund nicht zuletzt der Kaufmannsstadt Nürnberg auseinander. Wertvolle Erfahrungen etwa in der Feinheit der Linien sammelte er schon als Dreizehnjähriger in der Lehre als Goldschmied in der Werkstatt seines Vaters. Handwerk und  Zeichenfertigkeit schärften ihm den Blick für Details und Plastizität.

Das vom Humanismus geprägte Nürnberg sowie die Reisen 1494 und 1505 nach Italien bildeten den Ausgangspunkt für Dürers neuzeitliche künstlerische Auffassung. Wobei es die auf den antiken Geist bezogene Renaissance kennzeichnet, dass jetzt der einzelne Mensch in den Mittelpunkt rückte. Man sah das Wesen der Schönheit im dargestellten menschlichen Körper verwirklicht – dies mit idealen Maßen und Proportionen. Dürers „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ künden davon.

St. Jerome in His Study

Als der Meister 1495 seine eigene Werkstatt in Nürnberg gründete, spezialisierte er sich auf  Holzschnitte und Kupferstiche, da er mit diesen Reproduktionen schnell auch wirtschaftlich erfolgreich sein konnte. Fragt man nach den Besonderheiten seines Schaffens, dann werden dessen Beobachtungsgabe und Detailtreue genannt, die meisterhaft beherrschte Linie in der Druckgrafik, deren vollendeten Proportionen und Perspektiven sowie die Tonwerte. Die Kunstkritik lobte, dass er in den Schwarz-weiß-Techniken sinnliche Effekte erreichte, wie sie bis dahin nur in der Malerei bekannt waren.

Themen fand er im Alltag sowie in Bibel und Mythologie. Für seine Zeit war er das, was man heute einen künstlerischen Superstar nennen würde. Die Apoldaer Sonderschau belegt dies beispielsweise mit den drei Holzschnittfolgen „Drei Grosse Bücher“.  So werben die Organisatoren etwa mit der Serie „Apokalypse“, in der Dürer die Weltsicht seiner Zeit zeichnete, die geprägt war vom erwarteten Weltuntergang. Im Kontrast hierzu steht die Folge „Marienleben“, die  Innigkeit und Volksnähe ausstrahlt. Für Dürer, als tief religiösem Menschen, war die „Passion“ Christi ein anderes wichtiges Thema, das er in einer großen und einer kleinen Passions-Folge darstellte. 

Fragt man nach den Höhepunkten der Ausstellung, wird ebenso auf jene berühmten Blätter verwiesen, in denen Dürer meisterhaft  das Licht darstellt sowie souverän Perspektive und Proportion ausdrückt: „Der heilige Hieronymus im Gehäuse“, „Adam und Eva“ und „Die Melancholie“. Dürer hatte das Glück, mit den Grafiken schon zu seinen Lebzeiten als hochbegabt  gefeiert zu werden und zugleich materiell sehr erfolgreich zu sein.

Die Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Bischofs Dr. Ulrich Neymeyr des Bistums Erfurt ermöglicht den einmaligen Blick in das reiche Schaffen dieses genialen Künstlers. Die Exposition ist verbunden mit einem umfänglichen Begleitprogramm. Darunter sind ein Gesprächsvortrag mit dem Dürer-Biographen Dr. Klaus-Rüdiger Mai (23.  Januar, 19 Uhr) und der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Johann Bauer von der Universität Erfurt „Ein Schrecken ohne Ende oder ein Ende ohne Schrecken“ (6. Februar, 19 Uhr) sowie dialogische Führungen (9. Februar und 8. März, jeweils 12 Uhr).

Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Am 26. April schließt sich Pop-Art aus den USA und England an.

Wolfgang Leißling