Else Hertzer – Die Vielseitige

Wittenberg.Berlin.Buttstädt.Paris vom 30. Juni bis 01. September im Kunsthaus Apolda Avantgarde

Apolda. Am 28.04.2013 war im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel von Julia Voss über Berlin als Hauptstadt der sogenannten Graswurzelbewegung in der Kunst zu lesen. Okay! Es gibt also eine Graswurzelbewegung in der Kunstgeschichte. Diese Bewegung beschreibt die Auseinandersetzung engagierter Kunstliebhaber mit Künstlern und Künstlerinnen, die jenseits von Rekordpreisen, Starkulten und Blockbuster-Ausstellungen auch noch existieren und in Vergessenheit geraten sind.

Einer jener Enthusiasten, die detektivisch die Biografien von Künstlerinnen, deren Namen fast niemand kennt, recherchieren und Kunstwerke suchen, von deren Verbleib niemand weiß, klopfte im September 2016 an die Pforten des Kunsthauses Apolda Avantgarde. Im Gepäck hatte der aus Wittenberg stammende Berliner Journalist und Sachbuchautor Mathias Tietke eine von jenen vergessenen Künstlerinnen – Else Hertzer (1884 bis 1978). Nun könnte man fragen, ja und was hat das alles mit uns zu tun und warum sollte man ausgerechnet im Jahr der großen Jubiläen dieser Künstlerin eine Ausstellung widmen? Man könnte sagen, dass Else Hertzers Geschichte exemplarisch für eine Künstlergeneration der Moderne steht, deren Werk nahezu vergessen wurde. 

Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Verfassung verabschiedet und aus dem Deutschen Reich wurde nach dem Ort ihrer Verabschiedung für die Dauer seiner demokratischen Periode von 1919 bis 1933 die Weimarer Republik. Die Deutschen erhielten erstmals auf der Ebene des deutschen Nationalstaats gesicherte Grundrechte und Frauen das Wahlrecht. Das Staatliche Bauhaus in Weimar wurde gegründet und die ersten Frauen konnten im Frühjahr 1919 nach langem Kampf an der Hochschule für die bildenden Künste in Berlin ihr Studium aufnehmen. Eine der Wegbereiterinnen war keine geringere als Käthe Kollwitz. Die Meinung, dass Frauen nicht zu Kreativität und bildnerischem Schaffen fähig seien, hielt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch hartnäckig, und das war einer der Gründe, warum den Frauen der Zugang zu Kunsthochschulen bis 1919 verwehrt blieb. Da war Else Hertzer bereits 41 Jahre alt, lebte seit 10 Jahren verheiratet in Berlin. Ab 1909 wurde sie an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin von dem französisch-deutschen Maler und Zeichner und Gründungsmitglied der Berliner Secession George Mosson ausgebildet. Die gesellschaftspolitischen Umwälzungen in den 1910er Jahren während der Weimarer Republik hatten auch Auswirkungen auf die Situation der Bildenden Kunst in Deutschland und zeigten sich in großen stilistischen Entwicklungen. Nach 1945 hatten es diese Künstlerinnen oftmals schwer, wahrgenommen zu werden. Oft waren es nur die großen Namen der künstlerischen Avantgarde um die Jahrhundertwende und die Kunst der Bauhausmeister, die in ihrer Bedeutung an der Entstehung und der Entwicklung der modernen Kunst in Deutschland hervorgehoben wurden. Vor diesem Hintergrund präsentiert das Kunsthaus Apolda Avantgarde mit der Ausstellung Else Hertzer – Die Vielseitige eine Position der klassischen Moderne aus Deutschland, die weitgehend unbekannt und dennoch zeigenswert ist. 

Um bislang weitegehend unbekannte Facetten in der Kunst zwischen den Weltkriegen vorzustellen, ist das Kunsthaus Apolda Avantgarde genau der richtige Ort, denn hier werden seit 25 Jahren immer wieder künstlerische Positionen präsentiert, die dem Publikum als Neuentdeckungen in Erinnerung geblieben sind. 

In Zusammenarbeit mit Mathias Tietke werden vom 30. Juni bis zum 1. September ca. 150 Kunstwerke zu sehen sein, einige erstmals öffentlich. Ein Ausstellungskatalog mit ausführlicher Künstlerbiographie ist in Arbeit.